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Team RioRio de Janeiro – das ist Zuckerhut und Copacabana auf der Seite der Annehmlichkeiten, das ist genauso Armut und Drogenkriminalität auf der negativen Seite des Lebens. Für Volker Ziegler, den Bundestrainer der behinderten Tischtennisspieler, sind das vermutlich nur Randerscheinungen, wenn es Ende August in die brasilianische Metropole geht. Bei den Paralympics möchte der 50-jährige aus Lehenweiler das deutsche Team mit insgesamt zehn Athleten in die Medaillenränge führen.

Noch ehe die olympischen Spiele der Nichtbehinderten begonnen hatten, spürte Volker Ziegler bereits den Hype, der um die beiden olympischen Großveranstaltungen gemacht wird. „Diverse Fernsehanstalten und andere Medienvertreter haben bereits vor einigen Wochen bei mir angeklopft und Gesprächstermine vereinbart. Gerade in dieser Hinsicht merkt man, dass die olympischen Spiele sowohl bei den Nichtbehinderten als auch bei den Behinderten doch etwas ganz besonderes sind“, sagt Volker Ziegler, dem das „ganze Brimborium“ zuweilen doch etwas zu viel ist. Vielmehr würde sich Ziegler, der sich seit 2013 bei den deutschen Tischtennisspielern als Behinderten-Bundestrainer an vorderer verantwortungsvoller Position befindet, uneingeschränkt auf das Sportliche konzentrieren. Doch gerade bei einem Mega-Event wie den Paralympics wird den verantwortlichen Personen doch etwas mehr abverlangt als bei anderen Turnieren. „Das fängt schon damit an, dass man haargenau angeben muss, mit welcher Kamera man als Trainer an der Spielfeldumrandung steht, um seine Schützlinge zu filmen“, nennt Volker Ziegler nur ein Beispiel.

Ungeachtet des größeren administrativen Aufwands geht der 50-jährige in das Turnier wie in jedes andere auch. „Oberste Priorität hat der Sport, auch wenn ich natürlich offen bin für die anderen Rahmenbedingungen, die die Paralympics mit sich bringen. Dennoch sind die Ziele dieselben: Die Spieler müssen den Ball auf den Tisch bringen“, sagt Ziegler, der in Rio de Janeiro bereits seine zweiten olympischen Spiele hautnah miterlebt. War er in London noch als „Personal Coach“ für Olympia-Dauerbrenner Jochen Wollmert (mehrfacher Medaillengewinner bei Paralympics, in Rio nun zum siebten Mal dabei, Anm. der Red.) unterwegs, so betreut er nun das gesamtdeutsche Tischtennisteam des deutschen Behindertensportverbandes.

Als eine große Herausforderung sieht Volker Ziegler die Eingewöhnung seiner Athleten bis zur Eröffnungsfeier am 7. September und zum Turnierbeginn am Tag danach an. „Zuerst gilt es, sich an die Zeitumstellung zu gewöhnen, danach sind es noch einige Tage, bis es richtig losgeht. Hier gilt es einen Lagerkoller zu vermeiden“, warnt Ziegler, der dieser Thematik eine hohe Priorität beimisst. Weniger Bedenken hat der Bundestrainer in puncto Sicherheit. „Die Gefahren, die allenthalben beschrieben werden, gibt es sicherlich nicht in allen Stadtvierteln. Ich denke, dass wir eher in einer synthetischen Welt leben werden, völlig abgeschirmt und eher eingeschränkt in unseren Aktivitäten. Ich freue mich, wenn dann beim Turnier die ersten Ballwechsel ausgespielt werden und wir uns auf die sportlichen Leistungen und Ergebnisse konzentrieren können.“ 

Positiv findet Volker Ziegler, dass die Tischtenniswettbewerbe nicht im Zentrum Rios, sondern im Vorort Barra da Tijuca, stattfinden. Dort spielt sich ein Großteil des olympischen Treibens ab. Auch der Olympia-Park, das olympische Dorf und das Deutsche Haus sind dort beheimatet. Gespielt wird im Riocentro in einer 6500 Zuschauer fassenden Halle auf einem Messegelände, gleich nebenan wird im Boxen, Badminton und Gewichtheben um Medaillen gekämpft. „Von unserer Unterkunft bis ins Spiellokal sind es gerade einmal fünfzehn Gehminuten. Diese kurzen Wege kommen uns entgegen, vielleicht kann man dann zwischen den Spielen auch einmal ins olympische Dorf zurückkehren, um sich zu regenerieren“, meint Ziegler.

Gewohnt zurückhaltend präsentiert sich Volker Ziegler bei der Frage nach möglichen deutschen Medaillenkandidaten in seinem Team. „Alle unsere Behindertensportler, sowohl bei den Rollifahrern als auch bei den Fußgängern, gehören zu den ersten Zwölf der jeweiligen Weltrangliste. Insofern haben wir keine Touristen dabei, wenngleich die Athleten mal größere, mal kleinere Medaillenchancen haben“, sagt der Chefcoach, der sich auf keine Medaillenprognose einlässt. „Die internationale Konkurrenz arbeitet auch immer professioneller, insofern müssen unsere Spieler und Spielerinnen schon an ihre Leistungsgrenze gehen, um sich Edelmetall zu sichern. Aus deutscher Sicht gibt es keine sichere Medaille, jedoch ist die Medaillenchance an sich eines der Nominierungskriterien für die paralympischen Spiele.“ Diesbezüglich lässt Volker Ziegler die Anzahl möglicher Medaillengewinne auch nicht als Gradmesser für seine Arbeit der letzten Jahre zählen. Ziegler weiter: „Wenn wir das Optimum abrufen und der Gegner ist besser, dann muss man damit leben. Hauptziel ist es, punktgenau die Bestleistung zu erbringen und unser Land würdig zu vertreten. Aber natürlich würde ich mich für jeden einzelnen unserer Akteure freuen, wenn es mit einer Medaille klappen würde.“ Mit Rollstuhlfahrer Thomas Brüchle, Verbandsklassespieler beim SV Deuchelried (Bezirk Allgäu-Bodensee) und der für die BSG Offenburg spielenden Juliane Wolf gehen auch zwei Olympioniken mit baden-württembergischem Bezug in das Medaillenrennen.

Bevor es am 31. August mit dem Flieger nach Rio de Janeiro geht, verfolgt der DBS-Bundestrainer mit großem Interesse die Geschehnisse bei der Olympiade der Nichtbehinderten. „Aus zeitlichen Gründen werde ich mich auf die Zusammenfassungen und die Hintergrundreportagen konzentrieren. Diese betrachtet man natürlich mit etwas anderen Augen, wenn man dann selbst einige Tage später vor Ort sein wird“, sagt Ziegler und hofft, dass sich die Erfolge im Tischtennis bereits bei Timo Boll & Co. einstellen werden. Eher zwiespältig steht Volker Ziegler der Ernennung von Timo Boll als deutschen Fahnenträger gegenüber. „Natürlich freue ich mich für ihn und den deutschen Tischtennissport, das ist eine tolle PR-Geschichte. Allerdings kann man bei Timo Boll jetzt natürlich nicht von einer optimalen Turniervorbereitung sprechen, das ist auch mit viel zusätzlichem Aufwand und zusätzlichen Anstrengungen verbunden“, merkt Ziegler kritisch an und freut sich dennoch auf sehenswerten Tischtennissport beim „Test-Event“, wie die Olympiade der Nichtbehinderten von manchen Paralympics-Teilnehmern humorvoll genannt wird. Ziegler: „Vor vier Jahren in London sah man vor den paralympischen Spielen zahlreiche Plakate mit der Aufschrift „Thanks for warming up“, dieser Humor gefiel mir. Diesbezüglich denke ich, dass spätestens bis zu den Paralympics organisatorisch alles klappen wird.“

Foto:

v.l.n.r. hinten: Trainer Charly Weber, Trainer Michele Comparato, Thomas Rau, Juliane Wolf, Stephanie Grebe, Team-Physio Angelika Lütkenhorst, Bundestrainer Volker Ziegler, Team-Psychologe Thorsten Leber, Trainer Hannes Doesseler

v.l.n.r. vorne: Thomas Schmidberger, Valentin Baus, Jan Gürtler, Sandra Mikolaschek, Thomas Brüchle, Holger Nikelis, es fehlten Jochen Wollmert und Trainer Andreas Escher.

Text: Thomas Holzapfel

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