Ein lautes „Jau“ entgeht dem Mund von Irene Ivancan an diesem Oktober-Tag des vergangenen Jahres. Dies nicht zum ersten Mal an diesem Tag, aber dieser Moment ist ein ganz besonderer: Soeben hat die Tischtennis-Spielerin ihr EM-Viertelfinal-Match gegen die Ungarin Krisztina Toth nach sechs Sätzen für sich entschieden. Irene streckt den Arm in die Höhe, die Vertreter des Deutschen Tischtennis-Bundes und die mitgereisten deutschen Fans auf den Rängen der Danziger ERGO Arena jubeln lautstark mit. Ab diesem Moment war es allen klar: Die frühere Bundesligaspielerin der SV Böblingen, die seit zehn Jahren Profi ist und inzwischen beim Bundesligisten TTC eastside Berlin spielt, hat sich eine EM-Medaille gesichert. Beflügelt von diesem Erfolg gewann sie auch das Halbfinale gegen die Ukrainerin Margaryta Pesotska, erst im Finale gegen Li Jiao wurde die 28-jährige dann gestoppt. Die Medien waren sich einig: Irene Ivancan ist das Gesicht der EM, der internationale Durchbruch war geschafft. TTVWH-Medienressortleiter Thomas Holzapfel hatte Gelegenheit, mit der gebürtigen Stuttgarterin ein Gespräch zu führen.
TTVWH: Was hat sich seit den Tagen von Danzig in ihrem Leben verändert?
Irene Ivancan: Der Medienrummel um meine Person war und ist enorm. Auch jetzt, einige Monate nach dem Gewinn der Silbermedaille, ist es noch nicht so ruhig, wie es vorher einmal war. Ich freue mich natürlich darüber, dass sich so viele Leute für mich interessieren. Das bringt auch das Damen-Tischtennis wieder etwas weiter nach vorne. Ansonsten bin ich halt Vize-Europameisterin und es bleibt vieles beim Alten. Starallüren habe ich deswegen jedenfalls keine.
TTVWH: Im Finale gegen die Niederländerin Li Jiao haben Sie mit 3:2 Sätzen geführt. Die große Chance zum Titel war greifbar nahe. Weint man da nicht einer Träne hinterher?
Irene Ivancan: Ganz so schlimm war es nicht. Natürlich hat es mich schon gewurmt, als ich das Spiel verloren hatte. Aber man muss auch sehen, dass meine Gegnerin in den letzten beiden Sätzen ihr bestes Tischtennis gespielt hat. Da war ich dann einfach chancenlos und musste mich nicht sonderlich grämen. Im Endeffekt überwiegte die Freude über das Erreichen des Endspiels und den Gewinn der Medaille.
TTVWH: Verdienter Lohn für die gezeigten Leistungen war zuletzt auch ein großer Sprung in der Weltrangliste. Derzeit nehmen Sie Platz 43 ein. Ist diese Platzierung für Sie von Bedeutung?
Irene Ivancan: Auch wenn man sich da nicht unbedingt dran orientieren sollte, aber ich schau da schon drauf. Durch den Erfolg in Danzig machte ich dreizehn Plätze gut. Diese Platzierung ist letzten Endes nicht unwichtig, was die Setzlisten bei Turnieren betrifft. Allerdings hatte ich mich schon vor der EM in der Rangliste nach oben gearbeitet und bin nach längerer Pause wieder für den Top Team-Kader der Nationalmannschaft nominiert worden. Durch meine EM-Medaille habe ich diese Nominierung bestätigt.
TTVWH: Sie scheinen mit 28 Jahren erst so richtig in Form zu kommen.
Irene Ivancan: Ich war schon immer so etwas wie ein Spätzünder. Allerdings muss man sagen, dass es nichts Außergewöhnliches ist, im Tischtennissport mit Ende zwanzig Erfolg zu haben. Zumindest in Europa nicht. In China ist das etwas anderes, da wird bei den Spitzenspielerinnen in diesem Alter schon wieder aufgehört.
TTVWH: Wie würden Sie Ihre Spielweise beschreiben?
Irene Ivancan: Ich repräsentiere das moderne Abwehrspiel. Ich bin keine klassische Abwehrspielerin wie beispielsweise Hongi Gotsch, die in der Abwehr auch sicherer ist als ich. Ich versuche oftmals auch sehr schnell den Punktgewinn zu machen. Ich würde sagen, ich spiele das, was beim jeweiligen Gegner gespielt werden muss. Es kann sein, dass ich mich einen Großteil des Spiels im Angriff versuche und in einer anderen Partie nur passiv spiele.
TTVWH: Zur Zeit spielen Sie in der Bundeshauptstadt. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Zeit bei den baden-württembergischen Vereinen?
Irene Ivancan: Als gebürtige Stuttgarterin habe ich beim kroatischen Verein TTC Dolinar Stuttgart meine ersten Schläge gemacht, mit damals sieben Jahren. Als ich 13 war, bekam ich die Chance, mich beim FTSV Bad Ditzenbach-Gosbach im Damen-Oberligateam zu beweisen. Landestrainer Volker Ziegler aus Lehenweiler hatte mich dorthin vermittelt. Ich bin dort herzlich aufgenommen worden und es machte mir großen Spaß. Einige Vereinsverantwortliche aus Bad Ditzenbach-Gosbach wie Günter Burkhardt habe ich unlängst beim Bundesliga-Spiel in Böblingen getroffen, es war ein herzliches Wiedersehen. Mein erstes Bundesligaspiel habe ich Ende der Neunziger Jahre im Trikot des badischen Klubs TV Busenbach bestritten, ab 2005 spielte ich dann ja einige Jahre für die SV Böblingen. Eine wichtige Rolle in meinem Leben spielte Volker Ziegler, der mir in jeder Hinsicht viel geholfen hat, auch im privaten Umfeld. Ich habe als junges Mädchen viel Zeit mit ihm und seiner Familie verbracht.
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Irene Ivancan in der Saison 1997/1998 mit dem Oberliga-Team des FTSV Bad Ditzenbach-Gosbach mit (v.l.n.r.) Irene Ivancan, Elke Burkhardt, Maribel Martin, Isolde Brock.
TTVWH: Was stand in den vergangenen Tagen auf dem Programm?
Irene Ivancan: Vor wenigen Tagen sind wir mit der Nationalmannschaft aus China zurückgekommen. Wir absolvierten dort einen zweiwöchigen Lehrgang in Zhengding. Abgesehen davon, dass es in China genauso kalt war wie hier in Deutschland, war es auch ein sehr hartes Training. Auf Grund einer abklingenden Handgelenksverletzung spielte ich nur einmal am Tag Tischtennis, die zweite Einheit bestand aus Lauf- und Krafttraining. Das Trainingslager war ein voller Erfolg und ich bin froh, dass ich inzwischen wieder schmerzfrei Tischtennis spielen kann.
TTVWH: Noch ein Blick in die Zukunft. Was sind die kommenden sportlichen Herausforderungen?
Irene Ivancan: Nunmehr stehen zwei internationale Turniere im Kalender. Weitere große sportliche Höhepunkte stehen in diesem Jahr an. Zum einen finden Ende März in Dortmund die Mannschafts-Weltmeisterschaften in Dortmund statt und im Sommer hoffe ich, bei den Olympischen Spielen in London dabei zu sein. Das ist mein großes Ziel, auf das ich hinarbeite. Und wenn ich fit und gesund bleibe, denke ich, dass ich gute Chancen habe, mir diesen Traum zu erfüllen.
TTVWH: Vielen Dank für das Gespräch.
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Stimmen früherer Weggefährten:
Günter Burkhardt (Abteilungsleiter FTSV Bad Ditzenbach-Gosbach): „In unserem Verein erlebten wir mit Irene eine wunderbare Zeit. Als Mitte der Neunziger Jahre in unserem Damen-Oberligateam eine Spielerin auf Grund einer Schwangerschaft ausfiel, wurde diese fehlende Position von Irene ausgefüllt. Das war natürlich eine starke Ergänzung für das Team. Irgendwie war es aber auch eine „Win-Win-Situation“, da Irene auch eine passende Mannschaft suchte und wir hier gut als „Auffangbecken“ dienten. Irene trainierte damals überwiegend am Stützpunkt. Wenn man sie heute spielen sieht, hat sich noch genau dieselbe Spielweise wie früher. Das Wiedersehen mit ihr in Böblingen war sehr schön. Es war, als ob man sich zuletzt öfters gesehen hätte. Irene ist genauso nett wie vor fünfzehn Jahren, an der positiven Erscheinung hat sich nichts verändert. Und an ihrer direkten und offenen Art auch nicht.“
Volker Ziegler (Landestrainer Tischtennis Baden-Württemberg): „Es hat mich nicht überrascht, dass Irene bei den Europameisterschaften für Furore gesorgt hat. Ihre Ergebnisse vor der EM waren bereits super. Mit ihrem Spielsystem kann sie im Prinzip jeder Gegnerin gefährlich werden. Ich habe mich riesig für Irene gefreut. Irene ist eine bezaubernde Person, die aufgrund ihrer zuweilen aufkommenden Unzuverlässigkeit auch mal die Leute gegen sich aufbringen kann.“
Text: Thomas Holzapfel
Fotos: Butterfly & FTSV Bad Ditzenbach-Gosbach
